Komponistinnen in der ersten Tschechoslowakischen Republik


#Premiere

Ilse Weber Ich wandre durch Theresienstadt
Agnes Tyrell Thema und Variationen für Klavier
Ema Destinnová Zahrada srdce (Herzensgarten): Letn. večer, K r.nu
Sláva Vorlová Miniaturen für Bassklarinette und Klavier op. 55: Nr. 1 und 2
Julie Reisserová Esquisses für Klavier: Nr. 2
Vítězslava Kaprálová Sbohem a š.teček op. 14 (Abschiedsgruß)

Sopran: Kateřina Kněžíková
Klavier: Alexandra Borodulina, Zdeněk Klauda & Martin Levický
Klarinette: Karl-Heinz Steffens

Hör zu wie Frau Elke Büdenbender das Konzert gefallen hat.

Termine

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Do 26/08/2021
16.00
Staatsoper
#Premiere
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„Die Gleichstellung der Geschlechter war kein Randthema, das nur wenige Frauenaktivistinnen betraf, sondern stand im Mittelpunkt der tschechischen Politik.“1 – So fasst Melissa Feinberg die Bedeutung der tschechoslowakischen Frauenrechtsbewegung zusammen, die weit über die Grenzen der jungen Republik hinaus von Einfluss war. Wie in anderen Ländern Europas kämpfte man vor dem Hintergrund neuer, progressiver Verfassungen um Wahlrecht, um Teilhabe an Bildung und Arbeit, um die Situation der Frauen im privaten wie öffentlichen Bereich, um Gleichberechtigung und sexuelle Selbstbestimmung – um etwas, das eigentlich selbstverständlich sein sollte, es aber lange Zeit nicht war. Františka Plamínková war dabei eine der wortgewaltigsten Frauenrechtlerinnen jener Zeit, Autorin, Politikerin und Aktivistin, Mitbegründerin des Nationalen Frauenrates, Mitglied in der International Alliance of Women (1904 als International Woman Suffrage Alliance gegründet) und Vizepräsidentin des im 19. Jahrhundert wurzelnden International Council of Women (ICW). Ihre Stimme war einflussreich im politischen Diskurs, auch mit Blick auf die Widerstandsbewegung, die viele Frauenrechtlerinnen unterstützten. Wohl auch aus diesem Grund wurde Plamínková nach der NS-Okkupation und dem Attentat auf Reinhard Heydrich verhaftet, in Theresienstadt interniert und 1942 hingerichtet. Im Jahr 2022 j.hrt sich ihr Todestag zum 80. Mal – ein wichtiger Erinnerungspunkt für Musica non grata, das auch die Musik von Komponistinnen des tschechoslowakischen Interbellums in das Bewusstsein einer breiten öffentlichkeit rufen möchte.

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Zahlreiche Komponistinnen waren in Prag und anderen Städten der Ersten Republik von Bedeutung. Sechs von ihnen werden heute mit ihren Texten, Liedern und Werken vorgestellt:

Ilse Weber (1903–1944) nimmt uns mit in die erschütternde Welt von Theresienstadt. Ihre Texte und ihre Musik zeigen den Schmerz, die geplatzten Träume und das Leid der verfolgten Musikerinnen und Musiker, die ab 1941 in die ehemals josephinische Festungsstadt deportiert wurden. Weber wurde 1903 in Vitkovice bei Ostrava geboren und begann trotz des Verbots einer künstlerischen Laufbahn durch ihre Eltern schon früh damit, im Privaten Lieder, Gedichte, Theaterstücke und Kurzgeschichten zu schreiben. Durchaus mit Erfolg: Ihre Arbeiten wurden in Zeitungen, Verlagen und im aufkommenden Rundfunk teils in mehreren Auflagen veröffentlicht und gesendet, etwa ihre Erzählungen Das Trittrollerwettrennen (1927), ihr Märchenspiel mit Gesang und Tanz Der blaue Prinz (1928) oder die Jüdischen Kindermärchen (1928). Mit dem wachsenden Antisemitismus der 1930er- Jahre zog sie sich zurück, ging nach der Besetzung der Grenzgebiete mit ihrem Mann und ihren zwei Söhnen zunächst nach Prag, bevor sie dann 1942 nach Theresienstadt deportiert wurde. Nur ein Sohn konnte in Sicherheit gebracht werden. Im Lager arbeitete Weber als Krankenschwester im Kinderkrankenhaus, las und sang für die Kleinen und versuchte, mit ihren Texten Hoffnung zu geben. Im Oktober 1944 wurde sie in Auschwitz ermordet, gemeinsam mit ihrem Sohn und den Kindern des Krankenhauses. Ihre Texte und Lieder waren im Lager vermutlich weit verbreitet, wurden aus dem Ghetto geschmuggelt und im Nachhinein von Überlebenden aus dem Gedächtnis notiert. Einige wurden wohl von Weber selbst auf der Gitarre begleitet. Wer die überlieferten, im Stil recht unterschiedlichen Klavierbegleitungen schrieb, ist hingegen nicht bekannt; vieles lässt sich nicht mehr zweifelsfrei rekonstruieren. Nach Kriegsende wurden ihre Gedichte und Lieder durch ihren Mann, der die Internierung überlebt hatte, gesammelt. 1964 erschien eine erste Ausgabe in Israel, 1991 eine deutsche Edition. Ihr Lied „Ich wandre durch Theresienstadt“, das heute erklingt, zählt zu den bekanntesten ihrer Werke. „Ich wandre durch Theresienstadt, das Herz so schwer wie Blei“, so resigniert sie hier, „bis jäh mein Weg ein Ende hat, dort knapp an der Bastei … Ich wende mich betrübt und matt, so schwer wird mir dabei. Theresienstadt, Theresienstadt, wann wohl das Leid ein Ende hat – wann sind wir wieder frei?“.

Knapp 50 Jahre vor Weber wurde Agnes Tyrell (1846–1883) in Brünn geboren, die erste ,grosse' Komponistin der tschechischen Lande, deren Musik noch im frühen 20. Jahrhundert verbreitet war. Sie war eng mit ihrer Heimatstadt verbunden, als Wunderkind und später als Virtuosin jedoch auch über die Grenzen von Stadt und Land hinaus bekannt. Sie stand in Kontakt mit führenden Komponisten ihrer Zeit, darunter Franz Liszt, und gehörte zu den ersten Frauen, die vor 1900 Sinfonien schrieben. Gerade die gro.en orchestralen Formen galten lange Zeit als Männerdomäne. Wenn Frauen Musik schrieben, dann, so glaubte man, eher Salonhaftes, Lieder, Klavierstückchen oder Kammermusik. Ganz anders jedoch Tyrell, die hochgebildete und belesene Komponistin, von der auch eine Oper überliefert ist: Bertran de Born, die im Rahmen von Musica non grata rekonstruiert werden soll. 1882 war sie noch vom Deutschen Theater in Prag abgelehnt worden, da die Musik zwar ansprechend sei, das Sujet hingegen nicht. Nun soll sie erklingen. Tyrells Klaviervariationen über ein eigenes Thema geben uns heute einen Vorgeschmack hierauf.

Ema Destinnová (1878–1930), auch bekannt als Emmy Destinn, ist ebenso mit der Welt der Oper verbunden. Sie war eine der bedeutendsten Sopranistinnen des 20. Jahrhunderts, auf den gro.en Bühnen der Welt zu hören und sang neben Stars wie Enrico Caruso, etwa in der Uraufführung von Giacomo Puccinis La fanciulla del West an der New Yorker Metropolitan Opera im Jahr 1910. Doch ihr Herz schlug für die tschechoslowakischnationale Sache: In den letzten Jahren des Habsburger Reichs beteiligte sie sich mutmasslich – bis heute ist dies in der Forschung nicht zweifelsfrei geklärt – an der Nationalbewegung rund um Tomáš Garrigue Masaryk, schmuggelte Nachrichten aus den USA, flog auf und wurde dafür belangt. Wohl nur ihr Ruhm schützte sie vor der Todesstrafe wegen Hochverrats – sie wurde auf ihrem Schloss unter Hausarrest gestellt. Destinnova, die ihren Künstlernamen Destinn in Anlehnung an ihre Lehrerin Marie Destinn wählte (Marie Loewe; Destinn wohl als Ableitung aus „destiny“), war zugleich als Autorin, Übersetzerin, Dichterin und Komponistin von Klavier- und Gesangswerken tätig, woran Musica non grata erinnern will. Zusammen mit Leo Blech, Dirigent am Prager Neuen deutschen Theater später Generalmusikdirektor in Berlin und von den Nationalsozialisten verfolgt, veröffentlichte sie etwa Der galante Abbé, eine Sammlung von Fin-de-Si.cle-Chansons auf eigene Texte, die Blech in Musik setzte. Für die zweite Sammlung – Herzensgarten (Zahrada srdce) nach Gedichten und Übersetzungen von Adolf Wenig – komponierte sie selbst die Musik. Die im Salonstil gehaltenen Lieder entstanden während ihres Arrests und wurden 1918 uraufgeführt. Sie stiessen auf ambivalentes Echo, wurden einerseits gelobt, andererseits belächelt, die junge Republik strebte zum Neuen – Destinn galt mit ihrer romantischen Kunst als öberbleibsel einer alten Zeit. Mit Ernst Bloch mag man das als Zeichen der Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen begreifen, als Ausdruck dafür, wie gesellschaftliche Entwicklungsprozesse simultan, plural und kontingent ablaufen. Vor allem aber ist es wohl tragisch zu nennen: Emmy Destinn, die mit Nachdruck für die tschechoslowakische Republik eingetreten war, deren Entstehung unter anderem mit Anstimmen der Hymne nach Konzerten begleitet hatte und selbst als nationale Ikone verehrt worden war, konnte in der Republik als Knüstlerin kaum mehr Fuss fassen. Sie starb als Symbol, das bereits Geschichte geworden war.

Anders verh.lt es sich mit Sláva Vorlová (1894–1973), die auch unter ihrem Pseudonym Mira Cord bekannt geworden ist. Sie führte in den 1930er-Jahren zusammen mit ihrem Ehemann einen stark frequentierten musikalischen Salon in Prag und war als Komponistin bis in die 1970er-Jahre aktiv. Wie Tyrell zeigt sie, dass sich das Komponieren von Frauen mitnichten auf typische Formen wie Lied oder Klavier konzentrierte, sondern auch neue Wege beschritt. Ihr Konzert für Bassklarinette und Streicher op. 50 gilt etwa als das erste Konzert für dieses Instrument in der Musikgeschichte – die Miniaturen op. 55 (1962), die wir heute in Auszügen hören, geben einen Eindruck hiervon. Erst recht spät war Vorlov. dabei überhaupt zum professionellen Komponieren gekommen. Zwar stammt sie aus einem musikaffinen Haushalt und hatte in jungen Jahren Gesangs-, Klavier- und Kompositionsunterricht erhalten, doch nach ihrer Heirat mit dem Unternehmer Rudolf Vorel galt es zunächst, das Familiengeschäft auszubauen. Ab den 1930er-Jahren konnte sie ihre Studien in Meisterkursen am Prager Konservatorium fortsetzen. Ein Streichquartett und Liedersammlungen zählen zu den frühesten ihrer Werke, die noch nichts von dem Schrecken ahnen lassen, der kurz vor Ende des Kriegs ihr Leben verändern sollte. Sie musste die Hinrichtung ihres Mannes durch die Nationalsozialisten erleben, ein Trauma, das sie pr.gte und in ihrer Musik verarbeitete. Ihr Schaffen während des Kriegs und kurz danach ist so vor allem von patriotischen Themen geprägt, etwa der Chorzyklus Weiße Wolken op. 8 (Bílá oblaka), in dem die Nationalhymne verwendet wird, oder die Sinfonie für Orchester op. 18, die zum Andenken an Jan Masaryk gewidmet ist.

Julie Reisserová (1888–1938), heute weitgehend unbekannt, war in der Zwischenkriegszeit eine laute Stimme, wenn es um das Komponieren von Frauen und die gesellschaftliche Situation ging, in der sie sich oftmals befanden. Es müsse „zugestanden werden, dass es heute wenige Komponistinnen gibt, deren Namen bekannt sind“, so seufzte sie 1937 in einem Vortrag im traditionsreichen Bund österreichischer Frauenvereine anlässlich einer Veranstaltung zu Komponistinnen der Gegenwart. „Dieser Zustand wird aber meiner Meinung nach nicht etwa durch einen angeborenen Mangel an Talent, sondern vielmehr durch die historische Entwicklung und die sozialen Bedingungen begründet. Erst die Frauenbewegung hat der Frau die Möglichkeit verschafft, sich in den verschiedensten Berufen geltend zu machen“. 2 Reisserova, selbst ein beredtes Beispiel für diese Emanzipation, hatte Komposition in Prag bei Josef Bohuslav Foerster, in Bern bei Ernst Hohlfeld sowie in Paris bei Nadia Boulanger und Albert Roussel studiert. Mit Letzterem hatte sie zudem im engen Austausch gestanden und unter anderem seine Oper Le testament de la tante Caroline in eigener .bersetzung erstmals in der Tschechoslowakei zur Aufführung gebracht. Ihre Werke, darunter ein Frauenchor für Františka Plamínková Festtag (Slavnostní den, 1936) und die virtuosen Esquisses (1928–1932), die in Auszügen im Konzert zu hören sein werden, wurden zu Lebzeiten oft aufgeführt. Dies mag an der eingängigen neoromantisch-expressionistischen Klangsprache liegen, die den Einfluss der französischen Schule zeigt, aber auch an ihrer wachsenden Popularität in Europa. Ihre Ehe mit einem Diplomaten hatte sie in unterschiedliche Länder und gesellschaftliche Kreise geführt, wodurch sie zu einer der wichtigsten Botschafterinnen der modernen Musik ihres Landes avanciert war. Musica non grata knüpft hier an und möchte Leben und Werk von Julie Reisserova in den nächsten Jahren intensiver der öffentlichkeit vorstellen.

Vítězslava Kaprálová (1915–1940) ist schliesslich die wohl bekannteste Komponistin der tschechoslowakischen Zwischenkriegszeit. Sie wurde in Brünn geboren, wo sie lebte und studierte, bevor sie nach Prag und Paris übersiedelte. Nach der NS-Okkupation kehrte sie nicht mehr in ihre Heimat zurück. Regen Kontakt verband sie mit den Avantgardisten ihrer Zeit, vor allem mit Bohuslav Martinů, dem sie eng verbunden war. Zu ihren bekanntesten Werken zählt ihre Militärsinfonie op. 11 (Vojenska symfonieta), die sie 1938 als Dirigentin mit der BBC in London zur Aufführung brachte. Das Konzert wurde zugleich in die USA übertragen und in der Presse mit überschwang besprochen. Nur zwei Jahre später starb Kapralova, die dem Widerstand nahestand und mit Františka Plaminkova im Austausch war, im Alter von nur 25 Jahren im französischen Exil. Seit einigen Jahren wird ihre Musik verstärkt in Konzerten und Festivals gespielt, wobei es noch immer einiges zu entdecken gilt. Musica non grata möchte hier ansetzen und in den n.chsten Jahren ihr gesamtes Oeuvre zur Aufführung bringen. Heute erklingt eines ihrer bekanntesten Lieder: Sbohem a šáteček op. 14, ein nachdenkliches Werk rund um Abschied und Wiedersehen auf einen Text von Vítězslav Nezval. Kapralova komponierte es in den letzten Tagen ihres Studiums am Prager Konservatorium: am 3. Juni 1937, wie sie in ihrem Tagebuch schreibt. Sie verabschiedete sich kurz darauf aus ihrem geliebten Prag und ging nach Frankreich.

Text: Kai Hinrich Müller

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